Stadtarchiv Eppstein

„Ich liebe meine Arbeit im Archiv der Stadt Eppstein bei Moni Rhode-Reith. Spannend sind vor allem die Geschichten, die ich zwischen den Zeilen finde und die Recherchen. Menschen auf der Suche nach einem Angehörigen zu unterstützen ist sehr spannend und bereichernd.“

Sonja Von Saldern, Autorin und Museumspädagogin, Archivarin Burg Eppstein, Archivfoto Hotel

Höchster Kreisblatt berichtet:

Was geschah mit diesen Menschen?

25 Meldekarten: Historischer Fund im Eppsteiner Stadtarchiv

Das Hotel Bienberg wurde Hauptquartier des amerikanischen Militärs. © Burgmuseum

Eppstein – Wie in vielen örtlichen Archiven ist man auch im Stadtarchiv damit beschäftigt, Ordnung in die Bestände zu bringen und alles digital zu erfassen. Was nicht bedeutet, dass man nicht gelegentlich Zufallsfunde macht im Gegenteil ergeben diese sich gerne beim Aufräumen. Und so hat Sonjavon Saldern, Mitarbeiterin im Eppsteiner Stadtarchiv, hinter unbearbeiteten Aktenbergen einen alten Karteikasten entdeckt – mit Meldekarten aus derZeit ab 1942. So etwas bringt immer neue Erkenntnisse zur Ortsgeschichte, könnte aber auch Anlass werden zu weiteren Nachforschungen.

Aufgefallen sind 25 Meldekarten für polnische Journalisten, die ab August 1945 im Hotel Bienberg untergebracht waren. Wie aus den Karten hervor-geht, waren sie alle aus Lagern nach Eppstein gekommen, die für befreite Zwangsarbeiter und aus  Konzentrationslagern gerettete Menschen eingerichtet worden waren. Man kann also davon ausgehen, dass sie von den Na-tionalsozialisten inhaftiert worden waren. Zum Teil hatten sie für die polnische Zeitung „Kronika“ gearbeitet, in Eppstein wohnten sie nicht nur im Hotel Bienberg, sondern auch im Hotel Kaisertempel oder in Privathaushalten.

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„Sie haben alle die NS-Zeit überlebt und wurden als sogenannte Displaced Persons bevorzugt behandelt“, berichtet Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith.

Ihre Kollegin Sonja von Saldern hat herausgefunden, dass zwei weibliche Journalistinnen zu der Gruppe gehörten, außerdem ein jüdischer Fotograf und eine jüdische Pressevertreterin.

Aber was ist aus diesen Menschen geworden? Ordnungsgemäß ausgefüllte Meldekarten enthalten auch einen Hinweis auf den nächsten Wohnort, aber diese Zeile ist auf vielen der Karten frei. In anderen Fällen aber ergibt sich,dass die Journalisten in die USA, nach Frankreich oder nach Spanien ausgewandert sind, andere sind zurück in die Heimat. Einige sind nach Polen zurück, fünf sind in Deutschland geblieben. Und an dieser Stelle wird es spannend, denn viele sind nur ein paar Tage in Eppstein geblieben, andere aber fünf Jahre. Wie es dazu kam, welche Kontakte diese Journalisten in Eppsteinhatten, warum sie dann doch und wohin sie gegangen sind, das zu wissenwäre schon spannend.

Archiv-Mitarbeiterin von Saldern ist aber so ganz zufrieden. „Der Fund hat die einquartierten polnischen Journalisten aus der Anonymität herausgeholtund fragmentarisch einen Teil ihrer Geschichte erzählt“, sagt sie. Bei der Auswertung der Meldekarten hat sie überdies festgestellt, dass auch Zwangsar-beiter aus anderen Ländern in Eppstein untergebracht waren – etwa in der Turnhalle und in einem speziellen Lager in Vockenhausen. Interessant für die Stadtgeschichte ist jedenfalls auch das Hotel Bienberg als Quartier der Polen.

Gebaut wurde das Haus 1882, im Zuge des aufblühenden Fremdenverkehrs in Eppstein. Am 13. Mai wurde eine amerikanische Infanteriedivision mit 200 Mann nach Eppstein verlegt, die Villa Bienberg, wie sie auch heißt, wurdezum Hauptquartier. Im August 1945 zog die Einheit allerdings wieder ab.

BT

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Ein Pressezitat von mir ist in der Humbold- Universität in Berlin gelandet. Dieser Fund im Netz hat mich sehr gefreut.

Eppsteiner Zeitung: Geschichte 18.12.2024

Stadtarchiv hat mehrere Väter und ist mindestens 100 Jahre alt

Monika Rohde-Reith zieht einen der vielen Ordner aus dem Regal, deren Inhalt noch gesichtet und registriert werden muss.Foto: bpa

Anders als bei der Eppsteiner Zeitung, deren Gründung ziemlich genau auf den 15. November 1924 zu datieren ist, gibt es beim Stadtarchiv durchaus unterschiedliche Einschätzungen dazu, wie alt das Archiv tatsächlich ist.
Für Stadtarchivarin und Museumsleiterin Monika Rohde-Reith sind ein fester Raum und die Möglichkeit einer öffentlichen sowie systematischen Nutzung maßgeblich. Und die, so die Archäologin, sei seit 1924 gegeben mit der Einrichtung von zwei Räumen mit „Wandgestellen“, einem „Tisch nebst Stühlen, damit zur Einsicht und zum Studium derselben Gelegenheit geboten ist“, heißt es im Antrag, den Burgkastellan Franz Burkhard am 8. November 1924 ans Rentamt des Fürsten zu Stolberg-Wernigerode schrieb. Er bittet die Beamten, zwei Räume im Querbau über dem heutigen Museum der neuen Ortsgruppe des Nassauischen Geschichts- und Altertumsvereins zu überlassen.
Für Rohde-Reith, waren die beiden Gründungen im Jahr 1924 wichtige Anlässe, um 100 Jahre „Pressefreiheit und Freiheit des Geistes“ in Eppstein zu thematisieren. Denn nur wer die Vergangenheit kennt, könne daraus für die Zukunft lernen, lautet ihr Credo. Beim Herbstspaziergang Anfang Oktober ließ sie einige Ereignisse aus dem Jahr 1924 Revue passieren. Verlagsgründer Franz Löber und Archivgründer Franz Burkhard spielten dabei wichtige Rollen.

Obwohl das Gründungsjahr 1924 aus Rohde-Reiths Sicht durch das Überlassen eines festen Raumes feststeht, bat sie ihren Vorgänger, den Historiker Bertold Picard, nach älteren Spuren im Archiv zu suchen. Der wurde fündig. Aus seiner Sicht ist die Gründung des Ortsverbandes des Nassauischen Geschichts- und Altertumsvereins 1919 ein entscheidender Schritt und vor allem die für 1920 dokumentierte Überlassung der Archivalien der Gemeinde als Leihgabe an den Verein als Gründungsdatum zu verstehen. Die Unterlagen, die zuvor auf dem Schulspeicher gelagert wurden, brachte der Verein 1920 zu Burkhard ins damalige Museum im Bettelbub. Die Gemeindevertretung sprach schon in einem Beschluss von 1920 vom „Burgarchiv“, während Burkhard in seinem Brief von 1924 noch von der „geplanten Einrichtung“ spricht, für deren Beaufsichtigung er als Konservator zuständig sei.
Maßgeblich beteiligt waren seit 1920 an der zentralen Lagerung der Eppsteiner Unterlagen der Erste Vorsitzende des neu gegründeten Geschichtsvereins, der evangelische Pfarrer Wilhelm Fink, und der zweite Vorsitzende, Carl Heinrich Müller, Mathematiklehrer in Frankfurt. Beide hatten sich dafür eingesetzt, dass die Unterlagen – mit Genehmigung der Gemeinde – eingesehen werden durften, sind also auch Gründerväter des Archivs.

Laut Picard lasse sich trefflich darüber diskutieren, wie ein Archiv zu definieren sei: So könnte schon das Sammeln von Dokumenten als Archiv bezeichnet werden. Das war in Eppstein seit dem Mittelalter der Fall. Viele dieser Unterlagen liegen im Hessischen Staatsarchiv. Aber auch im Eppsteiner Archiv liegen historische Dokumente. Die ältesten, Jahresrechnungen in geschnörkelter Handschrift auf handgeschöpftem Papier, stammen aus der Zeit um 1750. Sie überdauerten immerhin mehrere Rathausumzüge, wurden also als so wichtig erachtet, dass sie aufgehoben wurden.

1924/25 wurde das neue Archiv auf der Burg eingerichtet, die Archivalien wurden inventarisiert und von Franz Burkhard verwaltet. Er organisierte 1926 auch den Umzug des von ihm 1908 gegründeten Museums vom Bettelbub in die ehemalige katholische Kirche. Bis zu seinem Tod 1938 war Burkhard für Museum und Stadtarchiv zuständig. 1945 wurde das Archiv ausgelagert, weil der Querbau vermietet wurde. 1950 übernahm Gemeindemitarbeiter Heinz-Eberhard Vogel offiziell Museum und Burgarchiv. Allerdings gab es noch keinen Raum dafür. Von 1963 bis 1965 war der Eppsteiner Fritz Wollrab für das Archiv zuständig. Er lagerte einen Teil der Archivalien in Halbschränken auf der Museumsempore und begann mit der Sammlung von Fotos und Ansichtskarten.
1965 übernahm der promovierte Historiker und Bibliothekar Bertold Picard Stadtarchiv und Burgmuseum. Er leitete beides ehrenamtlich bis 2009 und begann mit der Neuordnung des Archivs. In Picards Zeit fiel nach der Gebietsreform 1977 die Übernahme sämtlicher Unterlagen und Archivalien aus den Registraturen aller Stadtteile. Dafür waren die Archivräume auf der Burg zu klein. Seit 1996 wurden im ehemaligen Volksbad im Keller des Rathaus II in der Rossertstraße weitere Regale und Kartenschränke aufgestellt, um die Fülle an Unterlagen zu verstauen. 2013 zog das Archiv in die ehemalige Kegelbahn im Bürgerhaus um und erhielt 2023 erstmals eine Satzung, die die Nutzung genau definiert. So sind Personendaten bis 110 Jahre nach dem Geburtsdatum geschützt. Trotzdem sei der Fund alter, ungültig gemachter Pässe aus den 1970er Jahren in Niederjosbach „ein Schatz für die historische Forschung“, ebenso alte Einberufungsbefehle aus dem Zweiten Weltkrieg. „Je später sie im Krieg datiert sind, desto jünger werden die Einberufenen“, sagt Rohde-Reith, zuletzt mussten gerade mal 16-jährige Jungen einrücken. Gespannt ist sie auf die nächsten Geburtsbücher. Im Januar ist der Jahrgang von 1914 verfügbar. Darin stehen neben Geburtsdaten auch weitere Eintragungen wie Hochzeit oder Tod.
Etliche Unterlagen sind bereits digitalisiert. Aber noch immer warten unzählige Ordner, Aktenmappen und lose Blättersammlungen darauf, sortiert und katalogisiert zu werden. „Dabei versuchen wir Stichworte zu vergeben, damit Unterlagen bei einer digitalen Suche leichter gefunden werden“, sagt Rohde-Reith und lobt Mitarbeiterin Sonja von Saldern für ihre Geduld: „Bis sämtliche Metallklammern aus den Papieren entfernt, Ort, Datum, Name und Inhalt im digitalen Archivsystem gespeichert und die Blätter in säurefreiem Karton verpackt sind, dauert es gut 20 Minuten, um eine Akte zu erfassen“.
In den langen Regalreihen hat jeder Stadtteil seinen Platz. Bremthal und Eppstein sind gut dokumentiert und nehmen fast die Hälfte der Regale ein. In Vockenhausen seien viele Gemeindeakten beim Bau des neuen Rathauses vernichtet worden. Lediglich die Heiratsbücher gehen noch bis in die 1930er Jahre zurück. Aus Ehlhalten gebe es einige wunderschön gestaltete Gemeinderechnungen aus der Zeit um 1780. Dafür gebe es über den Bau der Dattenbachhalle, die im nächsten Jahr 50 Jahre alt wird, kaum Unterlagen.
Für bekannte Persönlichkeiten, wie das Künstlerpaar Bergmann/Michel, und private Nachlässe gibt es eigene Fächer. Auch die umfangreiche Bilder- und Kunstsammlung des Museums hat ihren Platz im Archiv – „da überschneiden sich Archiv und Museum“, sagt Rohde-Reith. Die Kombination ihrer Stelle mit Museums- und Archivleitung ergänze sich gut. Die Forschung sei zwar oft nur ein „Nebenprodukt“ der Archivarbeit, biete aber jede Menge überraschender Einsichten.
Derzeit bereitet sie schon die nächste Ausstellung vor: Jahresausstellung und Osterspaziergang 2025 widmet die Museumsleiterin dem „Kriegsende“, den Herbstspaziergang dem Thema „Demokratischer Neuanfang“.

bpa

Sonja von Saldern

Ahornstraße 3

65527 Niedernhausen

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